Urlaub für alle: Barrierefrei reisen in Deutschland
Wie barrierefrei sind touristische Angebote in Deutschland? Eignet sich das Reiseziel für Menschen im Rollstuhl? Werden die Bedürfnisse von gehörlosen Menschen berücksichtigt? Diese und viele weitere Kriterien prüft das Online-Portal „Reisen für Alle“.

Das bundesweite Zertifizierungssystem kennzeichnet barrierefreien Tourismus für verschiedene Gästegruppen.
Michael Töller ist für „Reisen für Alle“ im Ländle und teilweise auch deutschlandweit unterwegs. Im Interview erklärt er, worauf es bei der Überprüfung ankommt, auf welche Barrieren er häufig trifft und was er sich für ein barrierefreies Deutschland wünscht.
Wie sind Sie zu „Reisen für Alle“ gekommen?
Ehrlich gesagt gab es einen ganz konkreten Moment, der bei mir alles ausgelöst hat. Ich war in einem Freizeitpark und habe dort ein mehrfach schwerbehindertes Mädchen im Rollstuhl erlebt. Sie konnte kaum noch selbst laufen und nicht mehr richtig sprechen. An einer Wildwasser-Rafting-Anlage wurde sie von drei Menschen ins Boot getragen, kurz vor dem Start noch festgehalten – und man hat ihr angesehen, wie unbändig sie sich innerlich gefreut hat. Wir haben gewartet, bis sie wieder zurück war, und sie strahlte über das ganze Gesicht. Diese pure, ehrliche Freude – das war für mich der Zünder. In diesem Moment wusste ich: Genau dafür will ich sorgen. Dass solche Momente möglich werden und nicht an Stufen oder fehlenden Informationen scheitern.
Deshalb bin ich geprüfter Erheber für „Reisen für Alle" geworden – das bundesweit einheitliche Kennzeichnungssystem für Barrierefreiheit. Als Erheber bin ich dabei ganz neutral: Ich nehme die Barrierefreiheit vor Ort auf, protokolliere und fotografiere alles genau und gebe diese Daten an die auswertende Stelle weiter, die daraus das geprüfte Zertifikat erstellt. Gerade diese klare Trennung macht das System so verlässlich – die Bewertung ist unabhängig und nachvollziehbar.
Gerade hier in der Region habe ich schon ganz Unterschiedliches erhoben – von der Touristeninformation über die Schwarzwaldhalle bis zu einem Museum in Baden-Baden. „Reisen für Alle" umfasst nämlich ein großes Spektrum: Museen, Hotels, Schwimmbäder, Touristeninformationen und vieles mehr. Und mein nächstes großes Ziel ist es, dieses bewährte System verstärkt in die Freizeitparks zu bringen – denn genau dort schlägt mein Herz.
Sie sind viel unterwegs und besichtigen Hotels, Museen oder Sehenswürdigkeiten. Worauf achten Sie dabei konkret?
Ich prüfe Barrierefreiheit nicht nur – ich erlebe sie. Wichtig ist mir dabei eine klare Unterscheidung: Bei den offiziellen „Reisen für Alle“-Erhebungen bin ich in aller Regel allein unterwegs. Ich laufe selbst durch das Unternehmen – vom Parkplatz über den Eingang bis zur Toilette und zum Notausgang – und arbeite streng nach einem festen Kriterienkatalog, der bewusst wenig Spielraum lässt. Ich schaue aus meiner eigenen Perspektive, aber immer mit dem Wissen und den Erfahrungen im Hinterkopf, die ich an anderer Stelle gesammelt habe.
Diese Erfahrungen sammle ich vor allem mit Freizeitpark-Erlebnis. Dort bin ich viel mit ganz unterschiedlichen Protagonisten unterwegs und schaue mir Dinge auch in außergewöhnlichen Situationen ganz genau an: Wie ist es, mit dem Blindenstock durch den Europa-Park unterwegs zu sein? Wie erlebt ein gehörloser Gast den Wartebereich einer Attraktion? Und was braucht ein Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung im Freizeitpark, damit ein Besuch gelingt?
Mein wichtigster Experte ist dabei mein Kollege Tim – ursprünglich mein Kunde, dann ein Freund und heute in Teilzeit mit 25 Stunden fest bei mir. Er kennt Barrierefreiheit nicht aus Normen, sondern aus dem eigenen Alltag. Bei den Erhebungen selbst kommt Tim nicht mit, aber im Büro ist er mein ständiger Ansprechpartner, den ich jederzeit fragen kann. Aus all diesen echten Erfahrungen entsteht die eigentliche Erkenntnis – viel mehr als aus jeder Checkliste.
Als DIN-geprüfter Fachplaner für barrierefreies Bauen habe ich außerdem die Normen im Kopf – Türbreiten, Rampenneigungen, Kontraste, Bewegungsflächen. Bei einer „Reisen für Alle“-Erhebung zählt allein der Kriterienkatalog. Aber ich habe natürlich ein geschultes Auge für die gelebte Praxis: Stimmen die Infos im Internet? Weiß das Personal Bescheid? Findet sich ein Gast auch ohne fremde Hilfe zurecht? Ist die neutrale Erhebung abgeschlossen, kann ich dem Betrieb als Fachplaner deshalb noch den einen oder anderen Hinweis mitgeben. Denn am Ende geht es für mich nicht um Haken auf einer Liste, sondern um die Frage, ob jeder Gast mit demselben Lächeln nach Hause geht.
Welche Barrieren begegnen Ihnen in der Praxis besonders häufig?
Die größte Barriere ist oft gar nicht die Stufe – es ist die fehlende Information. Immer wieder erlebe ich, dass Internetseiten unvollständig oder falsch sind, dass Angaben zu Parkplätzen fehlen oder dass jeder Betrieb seine eigenen Regeln kocht. Ein Gast muss aber schon vor der Anreise sicher planen können. Dazu kommen bauliche Klassiker: zu schmale Türen, fehlende Kontraste für Menschen mit Seheinschränkung, Toiletten, die den Namen „barrierefrei" nicht verdienen.
Und ein Punkt, der mir besonders am Herzen liegt: die unsichtbaren Behinderungen. Vieles wird nur für den Rollstuhl gedacht – aber Menschen mit Autismus, Demenz oder chronischen Erkrankungen brauchen genauso Rücksicht. Als Direktor der Hidden Disabilities Sunflower für Deutschland und Österreich setze ich mich genau dafür ein, dass auch diese Gäste gesehen werden. Oft fehlt es dabei gar nicht am guten Willen, sondern schlicht an Wissen und Schulung – das Personal möchte helfen, weiß aber nicht wie.

Sie beraten Betreiber auch dabei, Barrieren abzubauen. Welche Verbesserungen lassen sich oft mit wenig Aufwand umsetzen?
Das ist tatsächlich eine andere Rolle als die neutrale Erhebung – als Berater von Freizeitpark Erlebnis darf und will ich dann konkret helfen. Und die gute Nachricht ist: Erstaunlich viel lässt sich mit wenig Aufwand erreichen. Das Wirkungsvollste kostet oft am wenigsten – verlässliche, ehrliche Informationen auf der Website. Wenn ein Gast vorab weiß, was ihn erwartet, ist schon die halbe Barriere weg. Dann Mitarbeiterschulungen: Ein sensibilisiertes Team hilft mehr als jede teure Umbaumaßnahme. Kleine bauliche Dinge wirken sofort – eine mobile Rampe, kontrastreiche Markierungen an Stufen, klare Beschilderung, ein Ruheraum als Rückzugsort für reizempfindliche Gäste.
Ich sehe mich dabei vor allem als Vermittler zwischen den Betreibern und den Betroffenen. Auf der einen Seite kenne ich die Normen und die baulichen Zwänge, auf der anderen die Bedürfnisse der Menschen – und meine Aufgabe ist es, einen Mittelweg zu finden, der für alle machbar ist. Beide Seiten gehen dabei kleine Kompromisse ein, aber das ist in aller Regel kein Problem, im Gegenteil: So haben am Ende alle mehr davon.
Mir ist dabei besonders wichtig, immer den Nutzen für alle Menschen zu sehen. Das einfachste Beispiel ist die Rampe: Über die freut sich nicht nur der Rollstuhlfahrer, sondern auch die Familie mit Kinderwagen, der Gast mit Rollator oder Bollerwagen – und im Hotel sogar das Personal mit dem Wäschewagen. Das gilt für so vieles: eine Lupe für kleine Schrift, oder am besten gleich große, gut lesbare Schrift, dazu leichte und einfache Sprache. Und nicht zuletzt Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit – Dinge, die eigentlich jeder Gast verdient hat.
Deshalb bleibt es bei mir auch nicht beim einmaligen Termin: Ich bleibe mit den Betrieben in Kontakt, oft entsteht noch ein Gespräch oder ein E-Mail-Austausch, und wenn ich in der Nähe bin, schaue ich gern noch einmal vorbei. Barrierefreiheit ist eben kein einmaliges Projekt, sondern ein gemeinsamer, kontinuierlicher Weg.
Welche Entwicklungen wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren für ein barrierefreies Deutschland?
Mein größter Wunsch: dass Barrierefreiheit selbstverständlich wird – von Anfang an mitgedacht statt teuer nachgerüstet. Ich wünsche mir bundesweit einheitliche, verlässliche Standards, damit Gäste nicht in jedem Betrieb neu raten müssen. Und ich wünsche mir, dass unsichtbare Behinderungen endlich denselben Stellenwert bekommen wie sichtbare – als Direktor der Hidden Disabilities Sunflower für Deutschland und Österreich erlebe ich täglich, wie viel ein kleines Signal bewirken kann, mit dem Menschen zeigen: Ich brauche vielleicht etwas mehr Zeit oder Verständnis.
Vor allem aber wünsche ich mir, dass es mehr Unternehmen gibt, die ein Erlebnis für alle bieten – nicht nur Freizeitparks, auch wenn das mein Herzensthema ist, sondern der gesamte touristische Bereich; öffentliche Gebäude sowieso. Ich spreche ja vor allem für Freizeit und Reisen, und da ist mir besonders wichtig: Alle Menschen sollen teilhaben und etwas erleben können. Denn raus aus dem Alltag, raus aus dem Gewohnten – das tut uns allen gut und sollte für jeden möglich sein.
Natürlich immer im Rahmen der individuellen Möglichkeiten, denn nicht alles ist für alle machbar, und das ist auch gar nicht das Ziel. Der wichtigste Schritt ist die Motivation, überhaupt anzufangen und etwas zu bewegen. Mein Appell lautet deshalb: Einfach mal machen und es angehen. Wenn wir in zehn Jahren so weit sind, dass niemand mehr überlegen muss: „Komme ich da überhaupt rein?“ – dann haben wir es geschafft.
Das Interview führte Rebecca Schwarz