Soziale Teilhabe auf Rezept
Wie gelingt Zusammenhalt in unserer Gesellschaft? Was können wir tun gegen Einsamkeit im Alter und warum spielt das gemeinsame Essen so eine verbindende Rolle? Wissenschaftlerin Tanja Kaufmann vom Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, untersucht im Rahmen des Projektes ELSinA, wie soziale Teilhabe gelingen kann und berichtet von einem ungewöhnlichen Pilotprojekt in Karlsruhe: Hier verschreiben zwei Hausarztpraxen Soziale Teilhabe auf Rezept. Warum das Projekt ins Leben gerufen wurde, wie es angenommen wird und welche Lehren es bietet, erzählt sie in diesem Gespräch.

Zur Person
Tanja Kaufmann ist Wissenschaftlerin im Projekt: „ELSinA – Ernährungs- und Lebenssituation von armutsbedrohten Seniorinnen und Senioren“ am Max- Rubner-Institut (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Im Rahmen dieses Projekts wurde das Pilotprojekt Soziale Teilhabe auf Rezept zusammen mit Praxispartnern aus Karlsruhe initiiert. Tanja Kaufmann, Jahrgang 1991, hat Politik- und Verwaltungswissenschaften und Innovationsmanagement studiert und hat kürzlich ihre Dissertation zum Thema: „Sozio-digitale Innovation im Kontext der Ernährungswende“ an der Technischen Universität Dortmund eingereicht.
Frau Kaufmann, Sie sind Wissenschaftlerin im Projekt „ELSinA – Ernährungs- und Lebenssituation von armutsbedrohten Seniorinnen und Senioren“. Was erforschen Sie?
Wir wissen, dass die Gruppe der Menschen, die in Deutschland von Altersarmut betroffen sind, tendenziell immer größer wird. Das liegt am demographischen Wandel – es gibt schlicht immer mehr ältere Menschen –, aber auch an der wirtschaftlichen Lage. Altersarmut ist häufig mit einer schlechteren Ernährung und mit Einsamkeit verbunden. Und wir möchten herausfinden, was wir als Gesellschaft tun können, um soziale Teilhabe zu ermöglichen.
Wir wollten jetzt aber nicht einfach von oben drauf schauen, sondern die Menschen selbst fragen, was die Probleme sind und wo Unterstützungsangebote ansetzen könnten. Dazu haben wir relevante Akteure zusammengebracht: Sozialverbände und Kirchen, Krankenkassen, Initiativen, Experten und Vereine und natürlich die armutsbetroffenen Menschen selbst. In einer Zukunftswerkstatt und vielen Workshops haben wir mögliche Lösungswege erarbeitet.
Wie haben Sie Seniorinnen und Senioren gefunden, die über ihre Lebenssituation sprechen wollten?
Das war viel schwerer als gedacht. Wir waren ja gezielt auf der Suche nach Menschen im Ruhestand, die arm sind, also Grundsicherung bekommen oder unter der Armutsgrenze leben. Und wir haben erlebt: Die Scham ist wahnsinnig groß. Wir sind zu Mittagstischen gegangen, haben viele Gespräche geführt und Vertrauen aufgebaut. Viele Menschen, mit denen wir gesprochen haben, haben erstmal gesagt: Nein, da müssen Sie jemand anderen fragen, ich bin gar nicht arm.
Sich zu Armut zu bekennen, erfordert viel Mut. In unserer Gesellschaft ist immer noch so ein Glaubenssatz verankert: Ist jemand arm im Alter, dann hat er wohl zu wenig gearbeitet im Leben und war faul. Deshalb schämen sich die Menschen. Wir haben dann aber zwölf Seniorinnen und Senioren gefunden, die mitgemacht haben. Zwei VdK-Mitglieder unter ihnen übrigens, die beide über den VdK sozial recht gut eingebunden waren.
Wie haben Sie dann Lösungswege erarbeitet?
Wir haben erstmal ganz grundsätzlich die Ernährungs- und Lebenssituation der Menschen analysiert. Und auch das war nicht leicht, denn es fiel den Menschen schwer offen zu sprechen. Deshalb haben wir zunächst mit der Methode „Photovoice“ gearbeitet. Die Menschen haben ihren Alltag fotografiert und über die Fotos kamen wir gut ins Gespräch.
Und welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
Wir sind immer wieder auf das Thema Ernährungsteilhabe gekommen. Viele Bereiche der sozialen Teilhabe sind mit Essen verknüpft. Es ist eine große Hürde, weil man für Essen in Gemeinschaft oft zahlen muss. Viele Angebote von Vereinen oder Gruppen sind mit irgendwo einkehren und essen verbunden. Und auch ein paar Euro können zu viel sein. Ins Café oder Restaurant gehen, das war unter den teilnehmenden Seniorinnen und Senioren kaum jemandem möglich. Einige berichteten zudem, dass sie private Einladungen absagen, weil sie selbst keine Gegeneinladung aussprechen können.
Wir sind also zu dem Schluss gekommen: Wir kümmern uns in unserem Forschungsprojekt ELSinA um die Ernährungsteilhabe. Denn gemeinsames Essen verbindet und hilft gegen Einsamkeit. Im Zuge der Lösungsentwicklung hat ein Team dann die Maßnahme „Soziale Teilhabe auf Rezept“ in einem kleinen Pilotprojekt umgesetzt.
Was sind denn die Ursachen für mangelnde Ernährungsteilhabe?
Natürlich die finanzielle Situation, Scham, der meist diskriminierende öffentliche Diskurs. Manchmal werden die Möglichkeiten und Angebote aus Unkenntnis nicht genutzt, staatliche Leistungen nicht in Anspruch genommen, es mangelt an Barrierefreiheit oder gesundheitliche Einschränkungen stehen im Weg. Armut kann übrigens nicht nur zu mangelnder Ernährungsteilhabe, sondern auch zu mangelnder politischer Teilhabe führen. Die eigene Meinung wird dann weniger gehört. Armut führt oft auch zu Einsamkeit. Senioren mit mehr Geld haben es leichter Anschluss zu finden. Einsamkeit wiederum kann krank machen, das haben viele Studien bewiesen.
Wie lief das Pilotprojekt „Soziale Teilhabe auf Rezept“ genau ab?
Vielen Menschen in unserem Projekt ging es weniger um Geld, sondern mehr um zwischenmenschliche Dinge, die fehlen. Und so ist die Idee des sozialen Rezepts entstanden. Das Konzept kommt ursprünglich aus Großbritannien. Auch in Berlin, Frankfurt und im Ruhrgebiet gibt es Pilotprojekte dazu. Und wir haben gedacht, wir setzen das als Pilotprojekt hier ganz lokal in Karlsruhe um. Die Grundfrage ist: Wie erreichen wir, trotz ihrer Scham, die älteren einsamen Menschen in Armut?
Die Hausärzte sind die Schnittstelle: Sie sehen die Einsamkeit, kennen ihre Patienten schon lange und haben den regelmäßigen Kontakt. Das Pilotprojekt ist im April gestartet und läuft bis Ende Oktober. Zwei Hausarztpraxen machen mit und können in dieser Zeit Soziale Teilhabe auf Rezept verschreiben. Die sozialen Rezepte sind sehr ähnlich zu medizinischen Rezepten gestaltet. Und dieses Rezept ist Einladung und Gutschein für einen Mittagstisch, entweder beim AWO-Wohncafé Rintheim oder der Kulturküche Karlsruhe. Mit dem sozialen Rezept bekommen die Menschen ein Mittagessen in Gemeinschaft und das Angebot eines Beratungsgesprächs. Die sozialen Einrichtungen sehen ja, wer mit dem sozialen Rezept kommt.
Das soziale Rezept ist sozusagen eine Kooperation zwischen Arztpraxen und Sozialer Arbeit. Ziel ist, dass die Menschen wieder Anschluss finden und weitere Angebote annehmen. Finanziert wird das Soziale Rezept aus städtischen Mitteln und Fördergeldern. Das Budget reicht für ungefähr 90 Mittagessen und Beratungsgespräche.
Und wie läuft das Projekt?
Die Hausärzte verschreiben das Rezept fleißig, aber noch wird das Rezept zu wenig eingelöst. Wobei das ja vielleicht auch erstmal anlaufen muss. Wir werden sehen. Unser Ziel ist, daraus nach Abschluss Lehren zu ziehen. Wem hat das weitergeholfen? Was könnten wir noch verbessern? Wir werden daraus Erkenntnisse für die Maßnahme in unserem Aktionsplan ableiten, den wir Anfang 2027 veröffentlichen und unter anderem an Bundes- und Landesinstitutionen richten werden.
Meinen Sie, dieses Projekt könnte recht niederschwellig auch ein VdK-Ortsverband in Kooperation mit der Kommune anbieten?
Das wäre aus meiner Sicht bestimmt möglich. Es könnten in den Kommunen ganz neue Formen der Kooperation entstehen. Beispielsweise zwischen Hausarztpraxen und dem VdK-Sonntagscafé oder einem Stammtisch unter der Woche.
Wenn Sie auf den Austausch mit den Menschen in Armut schauen: Was würden Sie sich von unserer Gesellschaft wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass wir mehr aufeinander achten und vor allem nicht denken: Die sind doch alle selbst schuld. Und natürlich würde ich mir wünschen, dass die Politik noch stärker hinschaut.
Und was wünschen sich die Seniorinnen und Senioren in Armut?
Ja, das haben wir sie gefragt. Vielen fiel es unglaublich schwer, sich überhaupt etwas zu wünschen. Und meist ging es dann gar nicht zuerst ums Finanzielle, sondern um Respekt, einen guten Umgang miteinander. Und viele wollten gern ihre Familie besuchen. Es ging oft um Zwischenmenschliches.
Das Gespräch führte Julia Nemetschek-Renz