Prävention mit Augenmaß
Gezielte Prävention sei nicht nur gesundheitlich sinnvoll, sondern könne auch für die Beitragsstabilität der gesetzlich Krankenversicherten relevant werden, sagt Allgemeinmediziner Dr. Peter Schwoerer, Mitglied im Sozialpolitischen Ausschuss des Sozialverbands VdK Baden-Württemberg e.V. Wie sinnvolle Prävention aussieht und warum sie für die Versichertengemeinschaft einen doppelten Nutzen hat, erklärt Peter Schwoerer in diesem Gastbeitrag zur Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung).

Prävention klingt zunächst selbstverständlich: Krankheiten sollen möglichst verhindert oder früh erkannt werden. In der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Sache aber komplizierter. Nicht jede Vorsorgeuntersuchung ist automatisch sinnvoll, nicht jede gesetzlich verankerte Präventionsmaßnahme ist gleich gut belegt, und nicht jedes Angebot sollte an alle Menschen in gleicher Weise verteilt werden.
Die GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung hat mit ihrem Präventionsrahmen bereits feste Handlungsfelder wie Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung und Suchtprävention. Die eigentliche Schwäche liegt daher weniger im völligen Fehlen von Prävention als in ihrer oft zu geringen Zielgenauigkeit.
Ein wichtiger Grundsatz lautet deshalb: Gesetzliche Verankerung ist nicht dasselbe wie Evidenz. Das zeigt besonders deutlich die Debatte um Früherkennung. Das Mammographie-Screening ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist nicht einfach gut oder schlecht, sondern eine evidenzbasierte Maßnahme mit erkennbaren Vorteilen und erkennbaren Nachteilen.
Genau diese Offenheit sollte Vorbild für andere Präventionsbereiche sein.
Was ist Prävention
Ein Begriff ist dabei besonders wichtig: der Prävalenzbezug. Das klingt kompliziert, ist aber einfach. Prävalenz bedeutet, wie häufig eine Krankheit oder ein Risikozustand in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe vorkommt.
Präventionsmaßnahmen mit Prävalenzbezug richten sich deshalb nicht wahllos an alle, sondern besonders an diejenigen Gruppen, in denen ein Problem besonders häufig ist oder typischerweise beginnt.
Das ist keine Ausgrenzung anderer Gruppen, sondern eine vernünftige Schwerpunktsetzung. Dort, wo ein Problem konzentriert ist, ist der mögliche Nutzen von Prävention in der Regel am größten. Das lässt sich leicht an Beispielen zeigen.
Wo Prävention wichtig ist und besser werden könnte
Wenn schwere psychische Störungen überwiegend vor dem 25. Lebensjahr beginnen, dann ist Prävention in Schule, Ausbildung, Studium und beim Übergang in den Beruf sinnvoller als ein später Schwerpunkt im höheren Alter. Wenn Stoffwechselkrankheiten mit steigendem Alter deutlich häufiger werden, sollten Präventionsprogramme auch dort zielgerichtet ansetzen, wo Übergewicht, Bewegungsmangel und familiäre Belastung gehäuft vorkommen.
Wenn man die großen Krankheitsblöcke betrachtet, wird schnell klar, wo Prävention besonders große Bedeutung hat.
Prävention bei bestimmten Erkrankungen
Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Erkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparats, Stoffwechselerkrankungen und Infektionskrankheiten. Diese Gruppen sind entweder besonders häufig, besonders teuer oder beides zugleich. Die GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung sollte ihre Präventionspolitik deshalb vor allem an diesen Blöcken ausrichten.
Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist die Richtung eindeutig. Die wirksamsten Präventionshebel sind vor allem Rauchstopp, Bewegung, gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion und die frühe Erkennung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen. Prävention sollte hier besonders auf Menschen ab dem mittleren Erwachsenenalter und auf Gruppen mit hohem Risiko ausgerichtet sein.
Sinnvolle Prävention
Beim Bewegungsapparat gilt etwas Ähnliches. Rückenschmerzen und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Sinnvolle Prävention besteht hier nicht in einem allgemeinen Appell zu mehr Bewegung, sondern vor allem in gezielten Angeboten für Menschen mit körperlich belastender Arbeit, langem Sitzen oder erhöhtem Sturzrisiko im Alter.
Bei psychischen Erkrankungen ist die Lage anders, aber nicht weniger wichtig. Hier geht es seltener um klassische Früherkennungsuntersuchungen und stärker um frühe psychosoziale Unterstützung, Resilienzförderung, Lebenskompetenzen, Stressbewältigung und niedrigschwellige Hilfen. Weil die ersten Erkrankungen meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter auftreten, sollte Prävention hier sehr viel früher beginnen als in vielen heutigen Programmen.
Infektionskrankheiten zeigen dagegen, wie gute Prävention bereits heute aussehen kann. Impfungen sind im GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung-System vergleichsweise zielgenau geregelt: nicht alle Menschen erhalten dieselben Empfehlungen, sondern bestimmte Alters- und Risikogruppen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Prävention evidenzbasiert, zielgruppenspezifisch und nachvollziehbar organisiert werden kann.
Wie wichtig diese Priorisierung ist, wird an den Kosten deutlich. Als Beispiele können zwei besonders große Krankheitsblöcke dienen. Krankheiten des Kreislaufsystems verursachten 2023 direkte Krankheitskosten von 64,6 Milliarden Euro. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes verursachten im selben Jahr 49,9 Milliarden Euro. Diese beiden Zahlen sind hier bewusst nur Beispiele. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass Prävention gerade bei den größten Krankheitsgruppen ansetzen sollte und nicht in kleineren Randfeldern verpuffen darf.
Auch die Größenordnung der GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung insgesamt macht das verständlich. Die Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung lagen 2024 bei rund 312,3 Milliarden Euro. Wenn Prävention in den großen Krankheitsblöcken besser wirkt, dann verändert sie nicht nur einzelne Lebensverläufe, sondern potenziell auch die Dynamik der Gesamtausgaben.
Das bedeutet nicht, dass Beiträge automatisch und sofort sinken. Aber es bedeutet sehr wohl, dass Beitragssprünge gebremst und Mittel zielgerichteter eingesetzt werden können.
Der doppelte Nutzen von Prävention
Versicherte haben von einer besseren Präventionspolitik einen doppelten Nutzen. Der erste Nutzen ist offensichtlich:
- weniger Krankheit,
- weniger Komplikationen,
- mehr gesunde Lebensjahre.
Der zweite Nutzen ist finanzieller Natur. Wenn Prävention gerade bei den größten und häufigsten Krankheitsentitäten wirksamer wird, dann sinkt zumindest der Druck auf die Ausgabenentwicklung. Das führt nicht automatisch zu sinkenden Beiträgen im nächsten Jahr. Aber es kann dazu beitragen, dass Beiträge langsamer steigen, als sie es ohne wirksame Prävention tun würden. Gerade deshalb sollte man Prävention nicht als freundliches Zusatzangebot verstehen, das man je nach Kassenlage ausbauen oder kürzen kann.
Prävention ist Teil einer vernünftigen Steuerung des Versorgungssystems. Sie ist dann besonders sinnvoll, wenn sie auf große Krankheitsblöcke zielt, evidenzbasiert ist und die richtigen Gruppen erreicht.
Die GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung braucht nicht einfach mehr Prävention, sondern bessere Prävention.
Besser heißt:
- evidenzbasiert,
- zielgenau,
- prävalenzbezogen
- und für Versicherte verständlich.
Das Mammographie-Screening zeigt, dass seriöse Prävention Nutzen und Schaden offen benennen muss. Der Prävalenzbezug zeigt, dass Prävention dort besonders verstärkt werden sollte, wo Krankheiten häufig sind oder typischerweise beginnen. Und die großen Kostenblöcke zeigen, dass gezielte Prävention nicht nur gesundheitlich sinnvoll ist, sondern auch für die Beitragsstabilität der Versicherten relevant werden kann. Eine moderne Präventionspolitik der GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung sollte deshalb nicht alles für alle tun wollen, sondern das Richtige für die richtigen Gruppen.