„Wir werden seit Jahren nicht gehört!“
Bärbel Kehl-Maurer, Vorstandsvorsitzende der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg, fordert seit Jahren ein Medizinisches Zentrum für Erwachsene Menschen mit Behinderung (MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen) für den Landkreis Esslingen. Ein Gespräch über Menschenwürde, Diskriminierung und den jahrelangen Kampf gegen Windmühlen.

Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtscharta verpflichtet, für Menschen mit Behinderung eine ortsnahe, gesundheitliche Versorgung in derselben Qualität zu garantieren wie für Menschen ohne Behinderung. Damit soll verhindert werden, dass Menschen mit geistigen Behinderungen in der medizinischen Versorgung diskriminiert werden. Doch die Realität sieht anders aus, sagt Bärbel Kehl-Maurer.
Warum fordern Sie ein MZEB für den Landkreis Esslingen?
Vom 18. Lebensjahr an gibt es im Landkreis Esslingen eine deutliche Versorgungslücke für Menschen mit einer geistigen Behinderung: Bis zur Volljährigkeit ist die medizinische Versorgung sehr gut über die Sozialpädiatrischen Zenntren (SPZkurz fürSozialpädiatrisches Zentrum) gewährleistet. Hier arbeiten multiprofessionelle Teams aus Ärztinnen, Therapeuten und Pflegekräften Hand in Hand. Nach demselben Prinzip sind die MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen aufgebaut, dort gelingt der ganzheitliche Blick auf den Menschen und die medizinische Geschichte.
Doch im Landkreis Esslingen gibt es kein MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen, obwohl ihm mit über 530.000 Einwohnern eigentlich eines zusteht. Das mahnen wir seit Jahren an. Die Finanzierung der MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen ist klar über das Sozialgesetzbuch geregelt, doch der Aufbau kostet Geld. Daran scheitern wir noch. Wir haben uns mit anderen Trägern der Behindertenhilfe ausgetauscht, uns in der kommunalen Gesundheitskonferenz eingebracht, mit Ärzten und Klinikleitungen gesprochen, Fachtage mit Politikern organisiert und immer wieder für ein MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen geworben. Doch wir werden herumgereicht und nicht gehört.
Weshalb ist der ganzheitliche Blick auf den Menschen und die medizinische Geschichte so entscheidend für Menschen mit Behinderung?
Da kann ich Ihnen gern ein paar Beispiele nennen. Ich bin ja neben meiner Tätigkeit bei der LAG Selbsthilfe seit 20 Jahren Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Kirchheim im Kreis Esslingen. Die medizinische Versorgung der Menschen mit einer geistigen Behinderung ist für die Angehörigen ein großes Sorgen-Thema. Mir hat zum Beispiel eine Mutter erzählt, dass sie ihren Sohn kurzerhand aus der Klinik wieder mit nach Hause genommen hat, obwohl er ihr zu Hause kollabiert war. Er hatte sich gegen das EKG und das Blutabnehmen gewehrt und wollte weglaufen.
Und warum? Schnell, schnell ginge bei ihm nicht, sagt sie. Ihr Sohn brauche unbedingt Menschen, die Zeit haben. Oder ich kenne einen Vater, der zu jedem Arzttermin einen Stapel Akten mitschleppt, weil seine Tochter nicht sprechen kann und er dann erklärt, welche Diagnosen sie hat, was die Wechselwirkungen der Medikamente sind. Dazu kommt ja, häufig haben Menschen mit Behinderung zusätzlich die komplexeren Erkrankungen. Studien zeigen ganz klar: Menschen mit Behinderung haben eindeutig ein erhöhtes Risiko medizinisch nicht gut versorgt zu sein.
Wie gelingt die medizinische Versorgung in einem MZEB?
Viele Menschen mit Behinderung haben komplexe Erkrankungen, da kommen viele Symptome zusammen. Wenn eine Frau zum Beispiel über Rückenschmerzen klagt, dann gehe ich vielleicht erst mit ihr zum Hausarzt. Der findet nichts, Kommunikationsprobleme erschweren den Austausch. Er schickt uns zum Orthopäden und vielleicht ist es aber ein gynäkologisches Problem?
In einem MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen arbeiten Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachgruppen interdisziplinär zusammen. Und sie haben mehr Zeit, können anders abrechnen mit den Krankenkassen. Diese Versorgung kann ein normaler Arzt allein gar nicht leisten.
Was würden Sie sich wünschen?
Wir brauchen die MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen flächendeckend im ganzen Land, damit die Menschen mit Behinderung endlich angemessen versorgt werden. Es gibt nur elf MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen in ganz Baden-Württemberg! Am besten sollten die Räumlichkeiten an eine Klinik angegliedert sein. Ideal wäre, wenn im MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen auch gleich Ergo- und Physiotherapeuten arbeiten. Ich wünsche mir ein politisches Signal, dass ein MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen gewollt wird. Dann sollten die Möglichkeiten, die sich bieten, genutzt werden, um es umzusetzen und erste Schritte zu planen.
Das Gespräch führte Julia Nemetschek-Renz
Zur Person
Bärbel Kehl-Maurer ist seit 2022 Vorstandsvorsitzende derExterner Link: LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg e.V., der Dachorganisation von mehr als 60 Selbsthilfeverbänden in Baden-Württemberg.
Sie hat die Externer Link:Lebenshilfe Kirchheim e.V. mit aufgebaut und ist dort seit über 20 Jahren Vorstandsvorsitzende.
