Kategorie Gesundheit

Hören findet im Kopf statt!

Von: Rebecca Schwarz

Jahrelang wird der Fernseher einfacher lauter gestellt und in Gesprächen häufiger Mal nachgefragt. Wenn dann endlich ein Hörgerät getragen wird, sind die Erwartungen groß. Und die Ernüchterung ebenso. Das Hören ist zwar lauter, aber nicht automatisch besser. Stimmen klingen ungewohnt und das Verstehen fällt schwerer als erhofft. Viele Betroffene fragen sich, ob ein teureres Gerät die Lösung gewesen wäre. Die Antwort mag überraschen: Nicht das Hörgerät allein entscheidet darüber, wie gut wir hören – sondern vor allem unser Gehirn. 

Ältere Frau steht am Fenster und setzt sich ein Hörgerät ins Ohr, Nahaufnahme.
Studien zeigen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen unbehandelter Schwerhörigkeit und einem erhöhten Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenzerkrankungen © iStock.com/PIKSEL

Hörgerät rein und sofort wieder alles verstehen? Ganz so einfach ist das leider nicht, denn ein Hörverlust entwickelt sich meist schleichend. Das Problem dabei: Hörverstehen findet im Kopf statt – nicht im Ohr. Und das Gehirn gewöhnt sich nach und nach an die verminderte Hörwahrnehmung. Deswegen reicht das Hörgerät allein nicht aus, um das Hörvermögen sofort wiederherzustellen.

Wie das Hören funktioniert

Das Hören beginnt mit einer Schallwelle. Die Schallwellen bringen das Trommelfell zum Vibrieren und setzt über die Gehörknöchelchen die Schallübertragung ins Innenohr fort. In der Cochlea werden die Schwingungen schließlich von feinen Haarzellen in elektrische Nervenimpulse umgewandelt. Über den Hörnerv gelangen diese Signale zum Gehirn, wo sie verarbeitet und als Klänge wahrgenommen werden.

All das geschieht innerhalb von Mikrosekunden. Hörerfahrungen trainieren die zuständigen Nervenverbindungen im Gehirn. Das beginnt bereits im Mutterleib und zieht sich bis ins frühe Kindesalter fort. 

Auswirkungen auf das Gehirn

Doch das Gehirn ist wie ein Muskel: Es muss ständig trainiert und gefordert werden. Das gilt auch für die Bereiche, die für das Hören zuständig sind. Bei einem Hörverlust gehen bestimmte Frequenzanteile im Gehirn verloren. Das Gehirn lernt, mit der ungenauen Sprache, fehlenden Vokalen und nicht hörbaren Konsonanten umzugehen. 

Je länger eine Schwerhörigkeit unbehandelt bleibt, desto mehr bauen sich die dafür zuständigen Verbindungen ab. Der Grad des Hörverlusts spielt hierbei natürlich auch eine Rolle. Das Sprachverstehen, das auf einem komplexen Netzwerk aus Milliarden von Nervenzellen basiert, nimmt zunehmend ab. 

Mit dem Hörgerät neue Verbindungen knüpfen

Die Verbindungen müssen bei einer Schwerhörigkeit also wieder neu aufgebaut und trainiert werden. Genau hier liegt die Herausforderung: Das Hörgerät kann diesen Prozess nicht übernehmen. Es verstärkt zwar die Schallsignale, doch das eigentliche Verstehen findet weiterhin im Gehirn statt. Je länger der Zeitraum zwischen dem Beginn des Hörverlusts und der Versorgung mit einem Hörgerät ist, desto schwieriger wird es deshalb, das frühere Sprachverstehen wiederzuerlangen.

Regelmäßige Übungen und ständige Anpassungen des Hörgeräts sind notwendig, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Teurere Geräte bieten mehr Komfort und gewisse Automatismen, können also situationsbedingt besser reagieren. Doch sie ersetzen nicht das notwendige Hörtraining. Um den Folgen eines Hörverlusts vorzubeugen, ist es daher besonders wichtig, frühzeitig zu reagieren.

Erste Anzeichen eines Hörverlusts

Es gibt einige typische Anzeichen dafür, dass sich das Hörvermögen verändert hat: Ein Anruf wird verpasst, obwohl das Telefon direkt neben einem liegt. Wieder steckt eine Zustellbenachrichtigung im Briefkasten, obwohl man den ganzen Tag zu Hause war. Plötzlich scheinen andere Menschen undeutlich zu sprechen oder zu nuscheln. Nachfragen werden zur Gewohnheit.

Freunde und Familienmitglieder wiederholen Gesagtes immer häufiger. Besonders schwierig werden Gespräche in größeren Gruppen oder in lauter Umgebung. Man hat das Gefühl, nur noch die Hälfte mitzubekommen. Auch der Fernseher wird mit der Zeit immer lauter eingestellt. Was früher Lautstärke 12 war, ist heute vielleicht schon 18 – sehr zum Leidwesen der Familie.

Besonders hohe Töne werden bei einer altersbedingten Schwerhörigkeit häufig zuerst schlechter wahrgenommen. Deshalb fällt es vielen Betroffenen schwerer, Kinder oder Frauen mit höheren Stimmlagen zu verstehen.

Das Tückische daran: Der Prozess verläuft schleichend. Man gewöhnt sich an das schlechtere Hören und bemerkt die Veränderung oft zu spät – beziehungsweise reagiert erst, wenn der Leidensdruck zu groß wird. Außenstehenden fällt der Hörverlust meist früher auf. Manche Menschen verdrängen die Anzeichen auch, weil sie sich das Älterwerden nicht eingestehen möchten.

Sind Sie betroffen?

Wer sich in mehreren dieser Punkte wiedererkennt, sollte sein Gehör überprüfen lassen. Hörtests sind beim HNO-Arzt oder Hörakustiker möglich. Auch Online-Hörtests können eine erste Orientierung bieten, ersetzen jedoch keine fachärztliche Untersuchung.

Sollte sich dabei herausstellen, dass ein Hörgerät notwendig ist, beginnt der wichtigste Teil der Behandlung erst danach: Das Hörgerät macht die verlorenen Signale wieder hörbar, doch das eigentliche Verstehen muss das Gehirn neu erlernen. Regelmäßiges Tragen, gezieltes Hörtraining und eine gute Anpassung helfen dabei, das Sprachverstehen Schritt für Schritt zu verbessern. Nicht der Preis des Hörgeräts entscheidet zwangsläufig über den Erfolg – sondern vor allem frühes Handeln, Geduld und Ausdauer.