„Ein versorgungspolitischer Goldschatz“
Die VdK-Zeitung sprach mit Dr. Susanne Bublitz, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg (HÄVBW): „Wir sind mit der Hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg gewissermaßen das Reallabor dessen, was man bundespolitisch umsetzen möchte,“ sagt sie. Im Interview erklärt sie, warum sie mit der Gesundheitsreform nicht zufrieden ist, wo sie Nachbesserungsbedarf sieht und was sie sich von der Bundes- und der Landespolitik wünscht.

Zur Person
Dr. Susanne Bublitz ist seit 2010 als Hausärztin in eigener Praxis in Pfedelbach (Hohenlohekreis) niedergelassen. Seit 2022 führt sie den Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg als Vorsitzende und ist zudem Vorsitzende der Stiftung Perspektive Hausarzt. In der ärztlichen Selbstverwaltung ist sie gewähltes Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sowie der Landesärztekammer. Dr. Bublitz engagiert sich kommunalpolitisch als Kreisrätin.
Gesundheitsreform: Kritik und Nachbesserungsbedarf
Frau Dr. Bublitz, wie ist die Situation der Hausärzte in diesen Zeiten der großen Reformen? Sind Sie zufrieden mit der verabschiedeten Gesundheitsreform?
Ehrlich gesagt: nein. Eine Reform hat eigentlich immer etwas Gestaltendes – davon sehe ich im kürzlich beschlossenen GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung-Spargesetz nichts. Statt das System besser zu machen, hat man einfach die Ausgaben gekappt. Leider wurde dabei an vielen Stellen nicht darauf geachtet, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind.
Was bereitet Ihnen Sorgen? Wo sollte nachgebessert werden?
Großen Nachbesserungsbedarf sehe ich im hausärztlichen Bereich. Es ist unstrittig, dass unser Gesundheitssystem eine nachhaltige Finanzierung braucht. Aber ausgerechnet bei den Hausarztpraxen zu kürzen, die durch mehr Koordination das System leistungsfähiger machen können und ja auch sollen – das ist nicht nachvollziehbar.
Besonders gefährlich ist die sogenannte Fixkostendegression in der Hausarztzentrierten Versorgung, kurz HZV: Für neu eingeschriebene Patienten bekommen Praxen künftig Abschläge im Honorar. Wenn zum Beispiel die Praxis im Nachbardorf schließt und ich die Patientinnen und Patienten übernehme, meine Strukturen ausbaue, mehr Personal einstelle – dann werde ich dafür nicht voll vergütet. Warum es die Bundesregierung für sinnvoll hält, es den Praxen zu erschweren, neue Patienten aufzunehmen, dafür fehlt mir jedes Verständnis.
Das Primärarztsystem
Laut Koalitionsvertrag soll das Primärarztsystem umgesetzt werden. Was ist das genau?
Ein Primärarztsystem oder auch Primärversorgungsystem sieht vor, dass Menschen mit ihren Gesundheitsanliegen zuerst zu ihrer Hausarztpraxis gehen. Viele leben das heute schon so. Aber unser System ist so aufgebaut, dass aktuell jeder direkt zu dem Spezialisten gehen kann, den er gerade für nötig hält.
Das Problem: Welcher Spezialist der richtige ist und ob es überhaupt einen braucht, ist oft gar nicht so klar. Manchmal sind die Kopfschmerzen nicht neurologisch, sondern orthopädisch. Und viele Probleme an den Ohren können wir in der Hausarztpraxis genauso gut behandeln wie in der HNO-Praxis. Die Folge: Menschen, die wirklich dringend einen Termin beim Spezialisten brauchen, bekommen ihn nicht.
Im Primärarztsystem managt die Hausarztpraxis die Gesundheit ihrer Patienten. Wenn nötig ist, überweisen wir zielgerichtet. Wir behalten den Überblick und sorgen dafür, dass diejenigen direkt einen Facharzttermin bekommen, die ihn dringend brauchen.
Die Hausarztzentrierte Versorgung
Der HÄVBW hat gemeinsam mit den Krankenkassen die Hausarztzentrierte Versorgung in Baden-Württemberg umgesetzt. Sie ist eine Form des Primärarztsystems. Wie funktioniert die HZV?
Genau, die HZV ist ein Primärversorgungssystem. GKVkurz fürGesetzliche Krankenversicherung-Versicherte entscheiden sich freiwillig für ihre Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle. 80 Prozent der Beratungsanlässe, mit denen sich meine Patienten bei mir vorstellen, kann ich direkt abschließend versorgen. Wo nötig, hole ich gezielt Spezialisten hinzu. Die Befunde laufen bei mir zusammen.
Die Einschreibung ist kostenfrei und unkompliziert. Eine Unterschrift in der Praxis genügt und man bleibt natürlich trotzdem frei, jederzeit zu wechseln, wenn man sich in der gewählten Praxis nicht mehr wohlfühlt.
Was sind die Vorteile der Hausarztzentrierten Versorgung?
Neben praktischen Vorteilen, die Krankenkassen ihren Versicherten anbieten, bei einer großen Kasse ist es beispielsweise die Zuzahlungsbefreiung für Medikamente, profitieren HZV-Patienten vor allem von einer besseren Versorgung. Die Universitäten Heidelberg und Frankfurt untersuchen die Effekte seit vielen Jahren.
In der HZV erhalten Patienten eine besser koordinierte Versorgung und werden enger durch die Hausarztpraxis begleitet. Dadurch treten bei chronisch Kranken weniger Komplikationen auf, es gibt seltener unkoordinierte Facharztkontakte und weniger Krankenhausaufenthalte. Das bedeutet: weniger Risiken, bessere Versorgung.
Bedeutet das, Sie bringen in Baden-Württemberg auch für das künftige Primärarztsystem viel Erfahrung mit?
Absolut. Drei von vier Hausarztpraxen in Baden-Württemberg bieten mit der HZV bereits ein Primärarztsystem an – so flächendeckend ist das in keinem anderen Bundesland. Umso schwerer ist zu begreifen, warum diese Versorgung mit dem kürzlich beschlossenen Spargesetz aufs Spiel gesetzt wird.
Was sollte bei der Umsetzung des Primärarztsystems unbedingt beachtet werden?
Versorgungskoordination ist weit mehr als eine Überweisung zu schreiben. Befunde zusammenführen, den Überblick behalten und gemeinsam mit den Patienten die richtige Therapie finden – das braucht den passenden Rahmen. Den haben wir in der HZV geschaffen, deswegen funktioniert sie so gut.
Entscheidend ist, dass die Hausarztpraxis der niedrigschwellige Zugang zum System bleibt. Zu mir kommt im Schnitt jeder Patient mit drei bis vier Anliegen – die kann ich als Hausärztin in den Gesamtkontext einordnen.
Wenn man nun aber einfach eine Überweisungspflicht im bestehenden KV-System einführt, ohne den Rahmen anzupassen, oder die Versorgung zersplittert – zum Beispiel durch eine digitale Ersteinschätzung, die erst einmal entscheidet, ob jemand überhaupt in die Hausarztpraxis kommen darf –, dann wird das System nur komplexer. Und das System wird scheitern.
Die Vorhaltepauschalen
Wie wirken sich die sogenannten Vorhaltepauschalen auf die Versorgung aus?
Für die Hausarztpraxen sind Pauschalen in einem Primärversorgungssystem entscheidend. Im herkömmlichen KV-System rechnen wir Einzelleistungen ab: Leistung erbringen, Leistung abrechnen. In der HZV übernehmen wir den Auftrag der Primärversorgung und erhalten dafür Pauschalen – wirtschaftlicher und unbürokratischer.
Mein EKG finanziere ich über die Pauschalen, die absichern, dass in meiner Praxis das Licht an bleibt. Ich muss es also nicht möglichst oft einsetzen, um es zu finanzieren, sondern immer dann, wenn es medizinisch nötig ist. Auch so führt die HZV zu einer bedarfsgerechten Versorgung. Auch das KV-System versucht immer wieder Pauschalen einzuführen, doch diese verdienen diesen Namen eigentlich nicht, da sie bürokratisch und schlicht nicht praktikabel sind.
Rezept für den Facharzt
Was passiert, wenn der Hausarzt keine Überweisung erstellen will, der Patient aber Bedarf dafür sieht? Drohen Zusatzgebühren beim direkten Gang zum Facharzt?
Wie genau Verbindlichkeit im geplanten Primärarztsystem umgesetzt wird, muss die Politik entscheiden – dazu gibt es noch keine konkreten Aussagen. Wichtig ist mir: In der Hausarztmedizin treffen wir Therapieentscheidungen gemeinsam.
Wenn eine Patientin sagt, sie möchte etwas abgeklärt haben, rede ich mit ihr darüber. Manchmal erkläre ich, warum eine Untersuchung gerade nichts bringt oder sogar zu Fehlbefunden führen kann. Manchmal überzeugt sie mich – weil sie mir wichtige Details schildert, die ich noch nicht kannte. Grundsätzlich geht es mir um das medizinisch Sinnvolle im Interesse meiner Patienten. Was hat man davon, drei Monate auf einen Termin zu warten und danach keinen Schritt weiter zu sein?
Darum mag ich den Begriff „Gatekeeper“ auch nicht. Ich sehe mich nicht als Türsteherin der Facharztpraxen, sondern begleite als „Primary Care Support“ durchs komplexe Gesundheitssystem. Eine gute Primärversorgung ist keine Einschränkung – sie ist eine Premiumleistung, die zu besserer Versorgung führt. Das muss viel deutlicher werden.
Baden-Württemberg als Vorbild fürs Gesundheitssystem
Was würden Sie sich von der Bundes- und der Landespolitik für die hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg wünschen?
Wir sind mit der HZV in Baden-Württemberg in einer besonderen Lage: Wir sind gewissermaßen das Reallabor dessen, was man bundespolitisch umsetzen möchte. Vom Bundesgesundheitsminister wünsche ich mir, dass er nach Baden-Württemberg schaut und das nutzt, was wir hier aufgebaut haben. Von der Landespolitik wünsche ich mir, dass sie den versorgungspolitischen Goldschatz erkennt, den sie mit der HZV hat, und uns aktiv dabei unterstützt, ihn zu stärken – gerade, wenn es jetzt um das Primärversorgungssystem geht.
Die Fragen stellte Julia Nemetschek-Renz