Männlich, 1,80 Meter, 75 Kilo
Am 8. März dreht sich für einen Tag alles um die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Am Weltfrauentag rückt die Geschlechterkluft in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung – von der Einkommens- über die Rentenlücke bis hin zur Sorgearbeitslücke. Das alles lässt sich grob zusammenfassen: Frauen sind gegenüber Männern immer noch benachteiligt. Finanziell, in der medizinischen Forschung, im Produktdesign und sogar bei Sicherheitsstandards. Um das zu ändern, braucht es ein generelles Umdenken und den Bruch mit tief verankerten Strukturen. Ein einzelner Tag im Jahr wird hierfür nicht ausreichen.

Der Reference Man
Der männliche Standardkörper – 1,70m bis 1,80m groß, 20 bis 29 Jahre und 75 Kilo – bestimmt seit den 1960er Jahren wissenschaftliche Berechnungen, Grenzwerte und medizinische Studien. Ältere Menschen, andere Körperformen oder gar Frauen: Nur Abweichungen vom Standard. Doch den männlichen Körper als Basis für Frauen heranzuziehen, verkennt die grundlegenden Geschlechterunterschiede; den weiblichen Zyklus mit Einfluss auf den Stoffwechsel sowie eine völlig andere Körperzusammensetzung mit mehr Körperfett und weniger Muskelmasse.
Die Folgen sind enorm, gerade in der Medizin. So nehmen hormonelle Schwankungen Einfluss auf die Wirkung von Medikamenten. Der weibliche Körper verstoffwechselt manche Wirkstoffe anders oder langsamer, wodurch Nebenwirkungen häufiger auftreten können. Krankheiten äußern sich bei Frauen teilweise mit völlig anderen Symptomen als bei Männern. Und dennoch sind Männer in klinischen Studien häufiger vertreten. Die Grundlagenforschung bevorzugt männliche Versuchstiere und überträgt die Ergebnisse eins zu eins auf den weiblichen Körper.
Das Schlafmittel Zolpidem war bereits jahrelang auf dem Markt, bis die empfohlene Dosierung für Frauen schließlich halbiert wurde. Auch im Strahlenschutz galt bis in die 1990er Jahre der männliche Standard, bis Studien zeigten, dass Frauen bei gleicher Strahlendosis im Durchschnitt häufiger strahlenbedingten Krebs entwickelten – denn das Brustgewebe reagiert empfindlicher auf Strahlung.
Frauendaten fehlen
Bei Krankheiten erhalten Frauen häufiger eine falsche oder späte Diagnose. Denn die bekannten Krankheitssymptome aus dem Lehrbuch orientieren sich am männlichen Körper. Die als typischen geltenden Anzeichen für den Herzinfarkt – Schmerzen im linken Arm, Engegefühl im Brustbereich – treten bei Frauen seltener auf. Stattdessen äußert sich der Herzinfarkt bei Frauen mit Atemnot, Rückenschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit.
Gleiches gilt für den Schlaganfall: Hängender Mundwinkel, einseitige Lähmung und verwaschene Sprache sind die bekannten Anzeichen. Doch diese Symptome treten häufiger bei Männern auf. Bei Frauen äußert sich der Schlaganfall unspezifischer, zum Beispiel durch Verwirrtheit, extreme Müdigkeit, Schwäche, Übelkeit oder Erbrechen. Symptome, die bei vielen Krankheiten auftreten können und deswegen oft übersehen werden.
Frauen werden somit in der medizinischen Versorgung strukturell benachteiligt. Sie erhalten im Schnitt später oder weniger Schmerzmittel als Männer, sie warten länger in der Notaufnahme, ihre Beschwerden werden häufiger psychischen Erkrankungen zugeschrieben.
Hinzu kommt: Frauenkrankheiten erhalten im Durchschnitt weniger Forschungsgelder. Dementsprechend gibt es weniger Publikationen und weniger klinische Studien. Noch heute vergehen oft sieben bis zehn Jahre, bis Frauen die Diagnose Endometriose erhalten.
Ende des Gender-Gap
Die Ursachen für die Geschlechterlücke liegen tief. Für langfristige Änderungen müssen die Probleme an der Wurzel gepackt werden. Doch kleine Verbesserungen wären schon einmal ein Anfang. Zum Beispiel in der Erste-Hilfe-Ausbildung: Erleiden Frauen in der Öffentlichkeit einen Herzinfarkt, erhalten sie im Vergleich zu Männern seltener eine Laienreanimation. Die Wahrscheinlichkeit, nicht wiederbelebt zu werden, ist für sie also größer. Ein Grund sind die männlichen Puppen, die bei der Erste-Hilfe-Ausbildung überwiegend genutzt werden. Ersthelfer fühlen sich unsicher, wenn sie Frauen entkleiden und reanimieren müssen, da sie es schlichtweg nicht gelernt haben. Dieses Problem ließe sich leicht lösen – durch den Einsatz weiblicher Puppen in der Erste-Hilfe-Ausbildung.
Apropos Männerpuppen: Auch Crash-Test-Dummies basieren bis heute auf dem durchschnittlich männlichen Körper – sie sind etwa 1,80 Meter groß und 75 Kilogramm schwer. Frauen haben daher bei Autounfällen ein höheres Verletzungsrisiko als Männer. Um Frauen zu simulieren, werden oft lediglich kleinere und leichtere Männer-Dummies genutzt.
Der männliche Standardkörper prägt bis heute die Forschung, Medizin und Produktentwicklung. Doch ein Standard, der nur einen Teil der Bevölkerung abbildet, ist kein universeller Maßstab. Frauen sind keine Standardabweichung, kein Spezialfall. Sie machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Produkte, Techniken und Medikamente, die für alle funktionieren sollen, müssen auch alle Menschen berücksichtigen. Vielfalt muss zum Maßstab werden – an mehr als nur einem Tag im Jahr.