Kategorie Gesundheit Gesundheitssystem

Große Chancen mit einigen Hürden

Von: Rebecca Schwarz

Seit einem Jahr gibt es die elektronische Patientenakte (ePA). Doch obwohl seit Ende April alle gesetzlich Versicherten diese aktiv nutzen können, sind die Zugriffszahlen aktuell noch minimal. Ein Grund könnte das komplizierte Zugangsverfahren sein – oder die gesetzlich Versicherten wissen gar nicht, dass sie bereits auf ihre ePA zugreifen können. Erstmal nur ein holpriger Start – oder ist generell Sand im Getriebe? 

Reife Frau sitzt in ihrer Wohnung auf ihrem Sofa, sie trägt eine rote Brille und blick auf ihr Handy.
Falls sie nicht vorab widersprochen haben, haben jetzt alle gesetzlich Versicherten eine elektronische Patientenakte. Doch die Nutzung ist kompliziert. © iStock.com/South_agency

Ein digitaler Gesundheitsordner mit allen medizinischen Daten der Patientinnen und Patienten – bequem von überall verfügbar. Ein wichtiger Schritt im Gesundheitswesen von Deutschland. Und auch für die Patientensicherheit ein echtes Plus, denn die ePA enthält Diagnosen, Befunde, Allergien, Röntgenbilder, Medikationslisten und vieles mehr. So können gefährliche Wechselwirkungen vermieden werden und behandelnden Ärzten liegen im Notfall alle Gesundheitsinformationen direkt vor. Ein System, das im Notfall Leben retten kann. 

In der Arztpraxis sowie in Apotheken und Krankenhäusern ist die ePA seit Anfang Oktober Pflicht. Ob sie aber auch wirklich überall eingesetzt wird, ist nicht sicher – denn teilweise gibt es immer noch Probleme mit der Software. Ärzte kritisieren außerdem die eingeschränkte Funktionalität der sehr komplexen Software. Hier sind Verbesserungen in Sicht: zum Beispiel eine Volltextsuche. Denn so können Dokumente in der ePA nach Stichworten durchsucht werden, um relevante Informationen besser aufzufinden. Außerdem soll der Rettungsdienst einen mobilen Zugriff auf Medikationslisten und Diagnosen erhalten.

Andere europäische Länder wie Schweden, Finnland und Dänemark setzen bereits seit mehreren Jahren auf die ePA. Sie ist dort ein essenzieller Bestandteil des Gesundheitswesens – dementsprechend sind dort auch die Nutzerzahlen sehr hoch. In Deutschland sieht das noch anders aus: Nur rund 5 Prozent der Versicherten haben der ePA widersprochen. Aber obwohl damit über 69 Millionen Menschen in Deutschland eine ePA haben, liegen die Nutzungszahlen bei allen Krankenkassen durchweg prozentual im einstelligen Bereich. 

Komplizierte Technik bremst Nutzung aus

Ein Hauptkritikpunkt: Für Menschen ohne Smartphone, PC oder Tablet ist die Nutzung der ePA nur eingeschränkt möglich. Hier sollte in Krankenkassen oder Apotheken über Terminals ein Zugriff auf die ePA geschaffen werden – möglichst barrierefrei. Diese Idee wurde jedoch leider nicht weiter verfolgt. 

Und selbst wenn ein digitales Endgerät vorhanden ist – der Zugriff auf die ePA ist kompliziert, der Anmeldeprozess nicht ganz simpel, die Hürden hoch. 

Schwieriger Zugriff

Da es um sensible Gesundheitsdaten geht, gelten höchste Sicherheitsvorschriften. Außerdem stellt jede Krankenkasse ihren Versicherten eine eigene App für die ePA zur Verfügung, es gibt also keine einheitliche App für alle Versicherten in Deutschland. Diese App von der Krankenkasse alleine reicht auch noch nicht aus: In der Regel sind zwei Apps notwendig. Eine App enthält die elektronische Patientenakte, die andere ist für den sicheren Login notwendig, bestätigt also die Identifizierung der Versicherten. Ein bekanntes Verfahren, das zum Beispiel schon aus dem Online-­Banking bekannt ist. Doch weniger digital affine Menschen können hier schon an ihre Grenzen kommen. 

Schwierig wird es dann mit den benötigten Login-Daten: Versicherte brauchen hier in der Regel eine Gesundheitskarte mit PIN, einen Personalausweis mit PIN oder alternativ einen GesundheitsID-Code – wobei letzteres erst über die Gesundheitskarte mit PIN beantragt werden kann. Mit einer Gesetzesänderung vom 6. November dürfen Krankenkassen außerdem wieder das Video-Ident-Verfahren nutzen, um die Identität ihrer Versicherten zu bestätigen.

Mehr Transparenz bei den eigenen Gesundheitsdaten

Sind alle diese Hürden genommen, haben Versicherte in ihrer App dann endlich Zugriff auf ihre elektronische Patientenakte. Und hier kann dann die ein oder andere Überraschung warten: Denn viele Menschen haben mit der ePA erstmals Zugriff auf ihre eigenen Gesundheitsdaten – und finden dort gänzlich unbekannte Befunde und Diagnosen. Zumindest häufen sich solche Meldungen seit der Einführung der ePA. Dabei ist die Problematik nicht neu. Sie trat bisher aber meistens nur auf, wenn Versicherte zum Beispiel eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollten und diese dann aufgrund von Arztberichten abgelehnt wurde. 

Generell können falsche Befunde für den Versicherten gerade beim Abschluss von Versicherungen sehr problematisch sein. Es lohnt sich daher auf jeden Fall, einen Blick in die eigene ePA zu werfen – vielleicht erfahren Versicherte Diagnosen, von denen sie bisher nichts wussten.

Versicherte über Mehrwert aufklären

Die ePA bietet neue Chancen für das deutsche Gesundheitswesen – und sie könnte zu einem echten Gewinn für die Versicherten werden. Damit sie in Sachen Patientensicherheit und Transparenz ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es noch einige technische Verbesserungen, einen vereinfachten Zugang und vor allem: mehr Aufklärung!

Relevante Neuerungen

In Zukunft können nur noch Versicherte ihre Abrechnungsdaten in der ePA einsehen – aktuell sind sie für alle sichtbar, die Zugriff auf die Akte haben. Somit sind Abrechnungsdetails mit Diagnosen oder Leistungsumfängen nicht mehr ohne ausdrückliche Zustimmung des Patienten zugänglich.