Miteinander weiter leben
Die Menschen möglichst lang in der Mitte der Gesellschaft halten, das ist das Ziel des Projekts DemenzBotschafter*in der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V. | Selbsthilfe Demenz. Projektmitarbeiterin Sabine Fels erzählt im Interview, welche Vorurteile es gegenüber der Demenz gibt, wie die DemenzBotschafterinnen und Botschafter gegen Einsamkeit wirken und warum auch ganz einfache Dinge unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Warum bildet die Alzheimer Gesellschaft jetzt Demenzbotschafter aus?
Rund 1,84 Millionen Menschen sind in Deutschland an einer Demenz erkrankt, etwa 220.000 Menschen mit einer Demenz leben in Baden-Württemberg. Und obwohl die Menschen mit Demenz mitten unter uns leben, gibt es viele Vorurteile, Berührungsängste und Unsicherheiten. Wir als Alzheimer Gesellschaft beraten, informieren und sensibilisieren zum Thema Demenz. Und aus vielen Gesprächen wissen wir: Je informierter das Umfeld, umso leichter haben es Menschen mit Demenz.
Überall in Baden-Württemberg brauchen wir deshalb Menschen, die für Menschen mit Demenz aktiv sind oder sein wollen. Die Chorleiterin in der Stadt, die Mitarbeiterin des Mittagstisches in der Kirchengemeinde, der Naturpark-Ranger im Schwarzwald – sie wollen verstehen, was Menschen mit Demenz wirklich brauchen und wünschen, damit sie vor allem zu Beginn einer Demenzerkrankung weiter an den Angeboten teilnehmen können.
Die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg schult diese Ehrenamtlichen in einer zweitägigen Schulung zu Demenzbotschaftern – ein Projekt, das von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert wird. Inzwischen begleiten wir 110 Demenzbotschafter, darunter 20 mit dem Schwerpunkt Natur, und in diesem Jahr kommen weitere 60 dazu. Sie werden dort aktiv, wo sie beruflich oder privat tätig sind und tragen dazu bei, dass Menschen mit einer Demenz möglichst lange am alltäglichen Leben teilhaben können.
Warum besteht die Gefahr, dass Menschen mit Demenz in die Einsamkeit rutschen?
Die Demenz beginnt schleichend und mit unterschiedlichen Symptomen. Manche Menschen werden vergesslicher oder haben Probleme, sich zu orientieren, andere ziehen sich zurück. Wenn ich da als Chorleiterin geschult bin und merke, dass Else nicht mehr zum Singen kommt, kann ich nachfragen. Und wenn es nur daran liegt, dass sie sich den Termin nicht mehr gut merken kann, dann können wir sagen: Komm, wir holen dich ab! Denn singen kann Else bestimmt noch. Sonst würde sie sich immer weiter zurückziehen, nicht mehr zum Chor kommen, obwohl ihr Singen Spaß macht.
Oder nehmen wir die Demenzbotschafter Natur. Eine Naturführung im Schwarzwald kann für Menschen mit Demenz sehr bereichernd sein: mit nackten Füßen in einem Bach laufen, Kräuter für einen Quark sammeln, Schmetterlinge beobachten. Hier knüpfen Menschen mit Demenz an tief verankertes Wissen an, das auch bei Menschen mit Demenz noch sehr lang vorhanden ist. In der Natur fühlen sie sich häufig besonders wohl. Da können sie einfach sein. Da urteilt niemand über sie.
Im Umgang mit einer Demenz gibt es in unserer Gesellschaft noch immer sehr viele Vorurteile.
Denn viele Menschen haben nur das fortgeschrittene Stadium der Erkrankung vor Augen. Doch eine Demenz beginnt schleichend und damit leider oft auch der Rückzug. Die demenzielle Veränderung ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft und so ist für die betroffenen Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gesellschaftliche Teilhabe besonders schwer möglich.
Warum ist Demenz ein Tabu und was kann jeder Einzelne tun?
Für die Meisten ist es einfach schwer, über Demenz zu sprechen. Wie erkläre ich, warum sich meine Mutter verändert hat? Spreche ich darüber offen? Oder versuche ich das eher zu verheimlichen? Menschen mit Demenz ist es unangenehm, dass sie immer wieder Termine vergessen, obwohl sie bisher so verlässlich waren.
Jeder Einzelne von uns kann sich informieren, was Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen brauchen. Wenn meine Nachbarin mir zum Beispiel zum dritten Mal erzählt, dass sie ihre Blumen gegossen hat, hilft es, tolerant zu sein und zuzuhören, statt zu verbessern. Und wenn ich sehe, sie geht ohne Jacke hinaus, könnte ich sagen: Ich finde es ein bisschen frisch und nehme eine Jacke mit, du auch? Ohne Anklage, mit Wertschätzung für den anderen Menschen.
Wichtig ist aber auch zu fragen, wie es den Angehörigen geht. Vielleicht könnte ich ja mal eine Stunde mit meiner Nachbarin spazieren gehen und ihren Mann, die Kinder so entlasten? Oder im Supermarkt: Wir kennen doch alle die Situation. Da kruschtelt ein älterer Herr in seinem Portemonnaie nach Kleingeld. Da ist doch gar nicht viel von uns gefragt, nur etwas Geduld.
Je informierter und toleranter das Umfeld ist, desto länger bleiben Menschen mit Demenz in der Mitte der Gesellschaft. Miteinander gut weiterleben – das ist das Ziel.
Das Gespräch führte Julia Nemetschek-Renz
Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V.
Die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V. bietet Infomaterial, telefonische Beratung, eine umfangreiche Website und Fortbildungen an.
Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V.
Selbsthilfe Demenz
Telefon: (0711) 24 84 96 63
E-Mail: Externer Link:beratung@alzheimer-bw.de
Externer Link:www.alzheimer-bw.de
Zur Person
Sabine Fels ist seit 2011 Mitarbeiterin der Alzeimer Gesellschaft Baden-Württemberg e. V. Ihr Schwerpunkt sind Projekte zur Sensibilisierung, aktuell das Projekt Demenzbotschafter*in in BW.