Nie zu spät – für Kontakte, neue Freunde und ein Ehrenamt
„Es ist nie zu spät“. ‚Zu spät wofür?‘, mag sich der Leser oder die Leserin fragen. Und deswegen macht dieser Buchtitel auch Lust auf mehr – generell ist Gaby Hauptmanns Titelwahl immer etwas Besonderes. Nun, ganz so provozierend wie „Suche impotenten Mann fürs Leben“ ist dieses Buch zwar nicht, doch dafür ist das Thema nur umso interessanter und aktueller. Es geht um Gabriele, frisch in Rente, doch mit dem Ruhestand kommt auch die Einsamkeit. Viele Menschen kennen das Gefühl: 30 Prozent der in Baden-Württemberg lebenden Menschen sind von Einsamkeit betroffen, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2025. Doch welche Wege führen aus der Einsamkeit? Dieser Frage ging der VdK-Kreisverband Donaueschingen bei der Autorenlesung mit anschließender Podiumsdiskussion am Freitag, 23. Oktober, nach.

Ein Thema, das bewegt. Vielleicht sind gerade deswegen fast alle Plätze an diesem Abend in der Kirchtalhalle Kirchen-Hausen in Geisingen besetzt. Der VdK-Kreisverband Donaueschingen hat zu dieser besonderen Veranstaltung eingeladen und als Kooperationspartner den Südkurier gewonnen. Die Moderation übernimmt Denise Kley, Leiterin der Südkurier-Lokalredaktion Donaueschingen. Mit dabei ist außerdem Edeltraud Guse, Stellvertretende Kreisverbandsvorsitzende sowie Frauenvertreterin des Bezirksverbands Südbaden sowie Elisabeth Stoffler, Frauenvertreterin des VdK-Kreisverbandes Donaueschingen und Silke Zube, Leiterin des Sozialdezernats des Landratsamts Villingen-Schwenningen.
Warum Einsamkeit die Demokratie gefährdet
Doch den Start macht Autorin Gaby Hauptmann. Mit einer kleinen, persönlichen Anekdote zu ihrem ersten Bestseller bringt sie direkt das komplette Publikum zum Lachen. Die Textstellen, die sie vorliest, sind die persönlichen Lieblingsstellen von Edeltraud Guse, die auch das Thema Einsamkeit aufgreifen. Von ihr kam die Idee für die Lesung in Verbindung mit einer Podiumsdiskussion, sozusagen Kultur und Politik in einem. Denn das Thema Einsamkeit ist auch ein politisches und ein soziales Problem: Die körperliche und seelische Gesundheit leidet, zudem gefährdet Einsamkeit die Demokratie. Denn Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, ziehen sich oft immer weiter zurück, verlieren das Vertrauen in den Rechtsstaat und gehen seltener wählen.

Der Sozialverband VdK weiß: Menschen brauchen Menschen – und Gaby Hauptmanns Buch passt perfekt dazu. Denn die Protagonistin Gabriele ist einsam und überlegt, wie sie wieder Anschluss finden kann. Hierfür muss sie letztendlich auch Ängste überwinden. Einen ersten Einblick in das Buch ermöglichen bei der Lesung die Textstellen, die das Thema Einsamkeit und Ehrenamt beschreiben. Von Gabrieles persönlichen Alltag über spontane Yoga-Übungen mit neuen Bekanntschaften bis hin zu Survival-Training im Schwarzwald.
Das Survival-Training hat Hauptmann sogar selbst absolviert, denn sie recherchiert genau, was sie schreibt. Zu „Es ist nie zu spät“ inspirierte sie unter anderem die Frage: „Was passiert mit den Menschen, wenn niemand mehr da ist und der Mut fehlt hinauszugehen?“ Gabriele findet ihren Anschluss in drei neuen Freundinnen, Yoga und einem Ehrenamt.
Doch letztendlich muss jeder für sich selbst den passenden Weg aus der Einsamkeit finden. In der Diskussionsrunde waren sich die fünf Teilnehmerinnen jedenfalls einig: Es gibt überall viele Angebote, der erste Schritt ist entscheidend. Passende Ratschläge hat Hauptmann natürlich in ihrem Buch verpackt. In der Podiumsdiskussion ermuntert sie dazu, Herausforderung anzunehmen und einfach hinauszugehen: „Was soll schon passieren? Mehr als fallen kann man nicht. Hinter jeder Biegung ist ein Weg!“

Doch welche Gründe führen in die Einsamkeit? Silke Zube listet einige auf: Verlust des Partners, Trennung, Pflegesituationen, finanzielle Sorgen, Armut. In Großstädten seien auch junge Menschen einsam, ergänzt Hauptmann. Doch gerade Frauen seien betroffen – von Altersarmut, der Pflege von Angehörigen, von Einsamkeit. Altersarmut sei generell ein drängendes Thema.
Altersarmut und die Rentenlücke

Wenn die finanziellen Mittel fehlen, ist es nicht so einfach, an gesellschaftlichen Events teilzuhaben. Edeltraud Guse ergänzt die bedrückenden Zahlen, denn Frauen erhalten 27 Prozent weniger Rente als Männer. Ohne Berücksichtigung der Witwenrente sogar 39 Prozent weniger. Sie weist auf die VdK-Forderung, die Rentenlücke zu schließen hin sowie die Kindererziehungs- und Pflegezeiten adäquat anzuerkennen. Eine auskömmliche Rente, die vor Altersarmut schützt.
Erste Schritte aus der Einsamkeit
Das tragische daran: Die hohe Dunkelziffer, da sich viele Betroffene schämen, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.
Was können Betroffene also tun? Beratungstermine in Anspruch nehmen – beim Pflegestützpunkt, bei der Nachbarschaftshilfe, beim Externer Link:Sozialverband VdK. Sich über Angebote informieren, auf den Homepages der VdK-Ortsverbände, der Städte, Gemeinden und Kommunen. Das ehrenamtliche Engagement ist überall groß. Edeltraud Guse appelliert, die innere Tür offenzuhalten, selbst aktiv zu werden und rauszugehen. Nicht darauf zu warten, dass jemand auf einen zukommt, sondern selbst den ersten Schritt zu machen. „Der Sozialverband VdK bietet überall viele Veranstaltungen an“, ergänzt sie.
Guse selbst ist nicht nur beim Sozialverband VdK, sondern auch im Förderverein des Seniorenzentrums Bräunlingen sowie in der Nachbarschaftshilfe aktiv. Aus Erfahrung weiß sie: „Es ist eine wunderbar erfüllende Aufgabe, für andere da zu sein und zu helfen.“ Doch es gibt noch viel zu tun – zum Beispiel über Generationen hinweg denken. Den Mittagstisch im Pflegeheim für junge Menschen öffnen. Oder die Mensa an der Uni für alle. „Leider gibt es viele Standards, die das verhindern“, ergänzt Zube.
Erfüllung finden und Kontakte knüpfen

Mehr Verständnis in der Gesellschaft für Alt und Jung schaffen. Einsamkeit früh entgegentreten, bevor sie entsteht. Das muss auch nichts kosten: Hauptmann erzählt von der Spaziergänger-Idee aus Berlin. Einfach gemeinsam rausgehen in die Natur und dabei neue Menschen kennenlernen. Denn kleine Schritte reichen manchmal aus, um das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Ein kleines Schwätzchen an der Kasse oder das Grillfest des Externer Link:VdK-Ortsverbands besuchen. Angebote gibt es genug.
Zum Ende des Abends sind sich alle einig: Es ist nie zu spät. Nie zu spät für ein erstes Gespräch. Nie zu spät, auch einmal alleine hinauszugehen. Nie zu spät, den Mut zu finden, mit einem neuen Hobby anzufangen. Nie zu spät, in einer neuen Gruppe Anschluss zu finden. Und generell ist es nie zu spät für den ersten Schritt – oder für ein Ehrenamt.

In ihrer Abschlussrede bedankte sich Bezirksfrauenvertreterin Edeltraud Guse bei allen, die sich sozial engagieren. Mit der Veranstaltung lenkte der VdK-Kreisverband Donaueschingen an diesem Abend erfolgreich den Fokus auf das Thema Einsamkeit – und einige der Gäste nehmen sicherlich die ein oder andere Inspiration mit nach Hause. Guse beendete den offiziellen Teil mit einem Zitat:
Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen 2 Menschen: dass jeder die Einsamkeit des anderen bewachen sollte.
Sie ergänzte: „Nehmen wir uns dies alle als Aufgabe, die Einsamkeit unseres Umfeldes, unserer Mitmenschen zu bewachen, dann erbringen wir einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Einsamkeit – denn Menschen brauche Menschen.“
Adressen und Angebote bei Einsamkeit
| Externer Link:Silbernetz e.V. | Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter | 0800 4 70 80 90 |
| Externer Link:Deutsches Seniorenportal | Wegbegleiter für die 2. Lebenshälfte | |
| Externer Link:Nummer gegen Kummer | Kostenlose, anonyme und vertrauliche Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland | 116 111 |
| Externer Link:Krisenchat U25 | Kostenlose und vertrauliche Mailberatung für unter 25-Jährige | |
| Externer Link:Plaudernetz | Für alle, die auf der Suche nach einem Gespräch sind | 0800 330 1111 |
| Externer Link:nebenan.de | Kennenlern-Plattform bringt Nachbarn zusammen, stärkt Beziehungen und fördert Nähe |