„Manche wollen einfach noch mal nachhause“
Noch einmal zum Helene-Fischer-Konzert oder auf einem Berg stehen und ins Tal schauen, mit dem kleinen Sohn in eine Tropfsteinhöhle, zum VfB-Spiel ins Stadion oder ans Meer, an die Ostsee, den Wind spüren. Das sind letzte Wünsche von Menschen, die bald sterben werden. Gemeinsam mit ihrem Team aus 70 Ehrenamtlichen erfüllt Tina Volz letzte Wünsche.

ASB-Wünschewagen in Mannheim
Tina Volz ist Projektleiterin des ASB-Wünschewagens in Mannheim. Die gelernte Rettungssanitäterin und Kauffrau organisiert gemeinsam mit Angehörigen und Fahrgästen die Wünsche-Reisen und koordiniert die 70 Ehrenamtlichen des ASB-Wünschewagen Mannheim.
Ein Gespräch über das, was Menschen sich am Lebensende wünschen, wer alles zur Erfüllung beiträgt, was möglich ist und was nicht und warum sich Tina Volz einen mutigeren Umgang mit dem Thema Tod wünscht.
Interview mit Projektleiterin Tina Volz
ASB-Wünschewagen – letzte Wünsche wagen. So heißt das Projekt. Wie gelingt es, Menschen ihren letzten Wunsch zu erfüllen?
Ich bin Projektleiterin des ASB-Wünschewagens in Mannheim. Drei Wünschewagen gibt es in Baden-Württemberg und 23 bundesweit. Die Idee stammt aus Holland und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) startete vor gut 15 Jahren mit dem ersten ASB-Wünschewagen in Essen. Wir in Mannheim haben ein Team aus 70 Ehrenamtlichen. Alle haben eine medizinische Ausbildung, sind Pflegekräfte, Rettungssanitäter oder Ärztinnen.
Wer einen letzten Wunsch hat, kann uns anrufen oder schreiben und wir organisieren die Fahrt. Immer zwei Ehrenamtliche fahren mit. Der Einsatz des Wünschewagens ist für den Wünschenden und eine Begleitperson kostenfrei. Wir finanzieren uns komplett aus Spenden. Voraussetzung ist: Der wünschende Mensch steht kurz vor seinem Lebensende. Manchmal melden sich die Menschen selbst bei uns. Oft aber auch Angehörige, Freunde oder Pflegedienste und Palliativstationen. Wenn da ein älterer Herr immer wieder von seinem Fußballverein schwärmt oder eine Dame von ihrer Zeit mit den Pferden früher. Dann organisieren wir eine Fahrt ins VfB-Stadion oder auf den Reiterhof.
Was wünschen sich die Menschen?
Viele Menschen wollen noch einmal ans Meer, den Wind spüren. Oder an den See, an dem sie ihren ersten Kuss bekommen haben. Oder mit dem kleinen Sohn in eine Tropfsteinhöhle. Oder auf ein Konzert, ins Gourmetrestaurant, Hochsee-Angeln. Viele wünschen sich eine Fahrt zu einem Ort, an dem sie glücklich waren. Oder sie wünschen sich an einen Sehnsuchtsort, wie auf den Gipfel eines hohen Berges.
Die meisten Wünsche haben aber mit Nähe zu anderen Menschen zu tun. Also auf die Hochzeit der Enkelin gehen können, die Freundin noch einmal besuchen. Manchmal kommen ganze Großfamilien zum Wunschort. Letztens wollte eine junge Frau noch einmal in den Schwarzwald, da kam der große Freundeskreis mit Picknick nach.
Doch natürlich können wir nicht alle Wünsche erfüllen. Aber alles was innerhalb eines Tages erreichbar ist und höchstens eine Landesgrenze quert, organisieren wir. Polarlichter sind schwierig, Türkei auch. Manche Menschen wollen einfach noch einmal nachhause.

Wie viele Wünsche erfüllen Sie im Jahr?
Bundesweit haben wir seit Bestehen über 8000 Wünsche erfüllt. Wir in Mannheim haben etwa 150 Anfragen pro Jahr und erfüllen etwa 60 Wünsche im Jahr. Manche Wunschfahrten werden abgesagt, viele kommen doch nicht zustande, weil der Mensch stirbt. Wir sind also schnell: Wenn sich jemand mit einem letzten Wunsch bei uns meldet, dann brauchen wir mit allem im Schnitt nur eine Woche bis 14 Tage, bis wir alles organisiert haben und losfahren.
Die Wünschenden müssen ein Stammdatenblatt ausfüllen, klar wir müssen die Diagnose kennen, wissen ob Sauerstoffbedarf da ist, was der Mensch braucht. Aber dass er sterben könnte, das hält uns nicht ab. Bei uns darf man sterben. Und es ist doch noch nicht passiert. Bundesweit noch nicht.
Woran liegt das?
Ich denke, die Menschen freuen sich so auf die Erfüllung ihres Wunsches. Das schenkt viel Kraft und Energie. Die Vorfreude ist auch ganz besonders schön für alle. Deshalb überraschen wir auch niemanden. Der Wünschende muss immer einverstanden sein. Sonst würden wir ihm ja die Vorfreude nehmen. Nach dem erfüllten Wunsch, da sterben die Menschen leichter.
Wann ist denn die richtige Zeit gekommen für die Erfüllung des letzten Wunsches?
Ja, das ist die Frage. Es gibt eine Akzeptanzphase. Akzeptanz, dass ich bald sterben werden. Dann ist die richtige Zeit. Davor setzen sich die Wünschenden selbst damit nicht auseinander. Und auch die Angehörigen und Freunde denken nicht daran. Aber natürlich sollte es auch nicht zu spät sein. Der Wünschende soll sich nicht quälen.
Doch manchmal stellen wir auch die Frage: Wie weit muss es wirklich sein? Manchmal reicht auch der nächste See und es muss nicht das Meer sein. Aber ja: Traut euch, meldet euch und habt einen letzten Wunsch! Wir werden versuchen, ihn zu erfüllen.
Wie ist es, die letzten Wünsche zu erfüllen?
Ich bin am Anfang viel mitgefahren, jetzt organisiere ich vor allem. Die Fahrt mit dem Wünschewagen ist für alle immer sehr beeindruckend. Sehr emotional natürlich, wir erleben gemeinsam Freude, Trauer, Leid, Dankbarkeit.
Meistens sind wir zu viert auf unseren Fahrten. Die Ehrenamtlichen sind dankbar, dass sie mithelfen konnten, den Wunsch zu erfüllen, die Angehörigen sind dankbar und natürlich der Fahrgast selbst.
Was würden Sie sich wünschen für den Umgang mit dem Thema Tod?
Ich wünsche mir, dass das Thema Tod und Sterben in die Mitte der Gesellschaft geholt wird. Das sehe ich auch als meine, als unsere Aufgabe an. Wenn ich als Kind meine Eltern nach ihrer Beerdigung frage, frage, was sie sich wünschen, dann antworten die meisten doch: Ach lass mal, nicht beim Abendessen! Und dann werden die Wünsche eben nicht erfüllt.
80 Prozent aller Menschen wollen zuhause sterben, nur 20 Prozent sterben zuhause. Es ist ein Vorteil zu sagen, was man sich wünscht. Aber natürlich hat der Tod etwas Beklemmendes. Wenn ich die Hotels buche für den Wünschewagen, dann kommt schon mal die vorsichtige Rückfrage: Aber, kann das sein, der stirbt dann hier? Dann sage ich, ja, das kann sein.
Wir holen den Tod in die Mitte der Gesellschaft. Wenn wir unterwegs sind mit dem Wünschewagen winken uns die Menschen und freuen sich, dass wir da sind.
Das Gespräch führte Julia Nemetschek-Renz
Kontakt: ASB-Wünschewagen
Das Team aus Ehrenamtlichen ist komplett, Spenden sind aber jederzeit willkommen!
Haben Sie selbst einen letzten Wunsch oder möchten Sie einen letzten Wunsch ermöglichen? Die Wunschfahrten werden aus Spenden finanziert und sind für den Wünschenden und eine Begleitperson kostenfrei.
Hier gibt es alle Informationen: Externer Link:www.wuenschewagen.de/mannheim